Klettertour „Kirchlexpress“

Veröffentlicht am:12 August 2020
By Hanna

Klettertour „Kirchlexpress“ – Wilder Kaiser

8. August 2020

Die Kirchlexpress – 20 SL – 850 m Klettern im anhaltenden 5 und 6 Grad. Das ist schon eine Nummer – gerade für mich als Kletterneuling. Aber die Tour geht mir, seit wir letztes Jahr nach der 7. Seillänge abgebrochen haben, nicht mehr aus dem Kopf. Ich will da rauf. Auf’s Totenkirchl, einer der berühmtesten Klettergipfel der nördlichen Kalkalpen und dann noch fast direkt vor unserer Haustür. Normalweg gibt es auf den Gipfel keinen. Er ist nur Kletterern vorbehalten – also keine Touristen die von oben herab fotografieren während du in der Wand hängst – mir kommt gerade die Szene von der Piefke-Saga (Teil 2)  in den Sinn 😉

Ostwand Kirchlexpress – Blick auf die Via Classica

Der Samstag verspricht herrliches Wetter, daher starten wir den 2. Versuch auf das Totenkirchl. Wir fahren am Vorabend in die Griesenau, wo wir am Parkplatz in unserem Wohnmobil übernachten. So sparen wir uns zumindest eine Stunde Anfahrt und müssen erst um 5 Uhr aufstehen – ist ja immer noch früh genug. Um dreiviertel 6 hieven wir unsere Rucksäcke auf den Rücken und starten unseren 60 minütigen Fußmarsch bis zum Einstieg der Kirchlexpress. Der Weg, recht breit und angenehm zu gehen, führt hinauf Richtung Stripsenjochhaus. Ca 100 hm vor dem Haus zweigt man nach links in den Wildangerkessel ab. Der Einstieg befindet sich auf der rechten Seite (links neben dem Wildanger-Klettergarten)

DER KAISER WIRD DICH EINES BESSEREN BELEHREN

Los geht’s! Die dritte Seillänge hat es gleich in sich. Zwar nur eine 5+ aber die zieht sich durch die gesamte Länge. Lässig, fordernd, luftig – danach wird’s wieder leichter und über stufiges Gelände und schönen Wasserrinnen erreicht man bald das breite Geröllband. Von dort links haltend über losen Schotter hinauf in die Ostwand der Kirchlexpresstour. Der Ausblick ist von hier atemberaubend. Die Felsformation des Kaisers einmalig – in der Via Classica tummeln sich die Seilschaften – immer wieder lautes Geschrei und Kommandos.

Die Sonne erreicht uns, und zeigt was sie kann. Wir sind hier ganz allein – eine Seilschaft hat uns überholt ansonsten keine Menschenseele. Nur zwei Gämsen die sich im Schnee liegend ihre Bäuche kühlen. Wir hingegen kommen ganz schön ins Schwitzen.

Wenn du denkst, du kletterst schon ganz ordentlich im 5, 6 Grad dann geh in den Wilden Kaiser – der wird dich eines Besseren belehren. So ist es zumindest mir ergangen – und das im Nachstieg!

GENUSSKLETTEREI? DAS SOLL WOHL EIN WITZ SEIN!

Anhaltend kräfteraubend aber super abwechslungsreich. In der 14. und gleichzeitig vorletzten „schweren“ Seillänge es war NUR eine 5- !!! hatte ich dann kurzzeitigen einen Tiefpunkt. Mit den Kräften schon ziemlich am Ende, kam ich überhaupt nicht mehr ins Klettern. Da war sogar der Griff an die „Exe“ kräfte raubend und der Ausdruck „Genusskletterei“ schwirrte in meinem Kopf. Das soll doch ein Witz sein! Was ist denn daran Genuss? Ich war unzufrieden, deprimiert und zitterte vor lauter Anstrengung als ich am Stand ankam. „Nur noch eine schwere Seillänge dann haben wir’s geschafft“, versuchte Michi mich aufzumuntern. Ok Zähne zusammenbeißen weiter geht’s – wir waren bereits seit 7 Stunden am Klettern. Ich versuchte mich nochmals voll zu konzentrieren um meine Kräfte zu bündeln – eine 5+ noch, dann sind wir am Heroldsweg der im 3. und 4. Grad auf die 3. Terrasse des Totenkirchls führt.

Diese Seillänge geschafft, war ich wieder voll motiviert – auf zum Gipfel! wir haben‘s gleich! „Gleich“ ist ein sehr dehnbarer Begriff wie sich herausstellte. Die 4 Seillängen und der 15 minütige Marsch zum Gipfel inklusiver Kraxlerei am abgeschmierten Fels dauerten weitere 1,5 Stunden.

OMA ICH ZIEH DEN HUT VOR DIR

Nun aber stehen wir oben am kleinen, schmiedeeisernen Gipfelkreuz auf 2190m und werden mit einem grandiosen Ausblick und einem abwechselnden Schauspiel von Sonne und Wolken belohnt. Das einzig Stetige sind die spitzen, wilden Felsformationen des Kaisers die wir betrachten dürfen. Dankbar hier oben zu stehen muss ich an meine 90 jährige Oma denken, die vor etlichen Jahren auch hier oben stand. Meinen tiefsten Respekt – damals war das alles andere als selbstverständlich.

Dem Gefühl der Erleichterung und der Freude folgte ein mächtiges Hungergefühl – es ist bereits 15:30 Uhr. Eine Gipfeljause und ein kurzes Päuschen haben wir uns jetzt eindeutig verdient!

EIN TAG ZWISCHEN ANSTRENGUNG UND GLÜCKSGEFÜHL

Der Abstieg über den Führerweg, ist alles andere als ein Spaziergang. Das Abklettern über abgeschmierte Stellen im 2. und 3. Schwierigkeitsgrad und das Abseilen (5 mal) fordern die letzten Kraftreserven. Dank Michi der mir mit seiner ruhigen, überlegten Art immer sehr viel Sicherheit gibt meisterten wir auch diese letzten kniffligen Stellen. Bald ist das Stripsenjochhaus in Sicht und das heiß ersehnte Weißbier schon fast zum Greifen nahe. „Kannst du das Weißbier auch schon riechen?“ fragte Michi. Der Sonnenuntergang kurz vor Ankunft auf der Hütte machte diese lange, anstrengende aber wunderschöne Tagestour perfekt.

Klettern, staunen, kämpfen, fluchen, freuen, erleben und leben – da wo andere Urlaub machen. Daheim im Wilden Kaiser.

TOURENINFO

Kletterlänge: 850 m

Schwierigkeit: 6/6- obl.

Einstieg: Von Griesenau Weg Richtung Stripsenjochhaus. Ca 100 hm vor dem Haus zweigt man nach links in den Wildangerkessel ab. Der Einstieg befindet sich auf der rechten Seite (links neben dem Wildanger-Klettergarten)

Abstieg: über den Führerweg abklettern und abseilen  (II und III)

Exposition: N und O

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