Klettern in Frankreich – Ailefroide

Veröffentlicht am:02 September 2020
By Hanna

8 Tage im Kletterparadies

Ailefroide – sagt euch nichts? Ihr wisst nicht einmal wie man das ausspricht? Dann geht es euch gleich wie uns bevor wir nach Frankreich aufbrachen. Durch Zufall sah Michi auf Facebook Bilder von diesem, zumindest für uns, unbekannten Paradies inmitten des Nationalparks Ecrins. Das erste Ziel unseres 2 wöchigen Urlaubs war somit klar. Samstag Vormittag checkten wir im Camp Ailefroide ein – Parken wo immer es gefällt. Auf der großen Wiese oder lieber im Schatten, unter den vielen Lärchenbäumen in Fluss nähe. Die Sanitäranlagen sind ausreichend und gut platziert, sodass ein langer Weg von fast jedem Standplatz erspart bleibt. Sogar das Lagerfeuer machen ist erlaubt. In einigen Berichten, die wir vorab gelesen haben, wird das Camp oft mit dem Camp 4 im Yosemite Nationalpark verglichen. Wir waren zwar noch nie dort, aber so ähnlich stellen wir uns das dort vor. Nur ohne Big Wall und ohne kalifornischer Sonne. Apropos Sonne – die zeigt hier in Frankreich mit 28 Grad am Tag auch was sie kann. Am Abend kühlt es allerdings angenehm ab und bei bis zu 10 Grad Tiefsttemperaturen lässt es sich gut schlafen. Die Daunenjacke sollte also für Abende im Freien unbedingt eingepackt werden! 🙂

Tag 1 (by Michi)

Genau so stellt man sich als Kletterer das Paradies vor. Die hohen Granitwände ragen in allen Himmelsrichtungen empor. Schon am ersten Tag warfen wir unseren Plan in den Klettergarten zu gehen über den Haufen. Zu sehr lockten die unzähligen Mehrseillängentouren in denen sich schon einige Seilschaften tummelten, als wir den Bus parkten.

( A Tire d’Ailefroide) 5c+

Wir stiegen um ca 13:30 in die Tour ein. Der Fels war fantastisch und die ostseitige Lage perfekt. Die Absicherung war relativ gut (mit Bohrhaken versichert; allerdings sehr weite Hakenabstände) Die Schwierigkeit war nicht geschenkt, man musste immer ganz nett zusteigen. Allerdings kam dann auch immer ein guter Griff wenn man ihn brauchte. Je höher wir kamen, umso mehr erhaschten wir noch die letzten Sonnenstrahlen, die auf diesen Sektor 1 schienen. Jetzt kreisten meine Gedanken mehr und mehr um das Abseilen und schaute mich immer wieder um, wo denn die Stände sein könnten. Am Gipfel angekommen, nach 230 zurückgelegten Metern stellten wir überrascht fest, dass ein schöner Weg nach unten eingerichtet wurde. Das Abseilen blieb uns heute erspart und so waren wir auch schon nach 20 min wieder am Einstieg angekommen und freuten uns auf einen feinen Abend mit Grillerei und einem Liter Wein.Empfehlung: 1x 50m Seil; 15x Express Karabiner; 2x Standschlingen (die Bohrhaken sind nicht immer verbunden)

Tag 2 (by Michi)

Fein, fast ausschlafen. 8 Uhr gemütlich Frühstücken, Kletterzeug packen und Abmarsch. Beim Zustieg sahen wir, dass doch einige Leute in Richtung unserer heutigen Klettertour L’arete a francis (6a) marschierten – dann geht doch noch ein Espresso in Ailefroide – wir haben ja den ganzen Tag zeit…Gestärkt und top motiviert machten wir uns nun auf den Weg. Nach 20 min erreichten wir den Einstieg und stellten zu unserer Verwunderung fest, dass sich nur eine Seilschaft in der Tour befindet – ob das was gutes bedeutet? Hmmm..

Wir kletterten die erste Seillänge (4c) puh, es war ein komplett anderer Fels – eher kieselig und viel mehr Aufleger als Leisten. Es war sehr gewöhnungsbedürftig und der Gedanke an 2 x 6a + 1 A0 Stelle gruselte in mir. Die Seilschaft vor uns gab ganz nett Gas und ich dachte mir, die haben den Espresso wohl nicht bezahlt 🙂

Als wir in der 3 Seillänge wieder aufgeschlossen hatten, sah ich auch warum die 2 so schnell waren. Die hatten wohl öfters A0 in ihren Topos stehen 😛

Die beiden Schlüsselseillängen waren sehr gut gesichert und machten jede Menge Spaß zum Klettern. Am Ende angekommen mussten wir dieses Mal Abseilen. Nach 4 maligem problemlosen Abseilen waren wir auch schon wieder beim Einstieg.

Unser Fazit: Anfangs gewöhnungsbedürftig aber schöne, abwechslungsreiche Seillängen. Hat sich auf jedenfall gelohnt.

Empfehlung: 2x 60m Seil; 13x Expresskarabiner, 2x Standschlingen.

Tag 3 (by Hanna)

In der Nacht prasselte der Regen auf unser Dachfenster über unseren Köpfen. Das heißt dann wohl ein Tag Pause zumindest für eine Mehrseillängentour. Am Morgen haben sich die Regenwolken verabschiedet und die Sonne trocknet bereits die nasse Wiese. Für uns startet der Morgen gemütlich. Ausschlafen, nach Ailefroide spazieren, Baguette kaufen, Espresso in unserem mittlerweile schon Stammcafe trinken, Wetter checken, stressfrei und ausgiebig Frühstücken.

Im Kletterführer, den wir uns im Sportgeschäft im Ort gekauft haben, sind auch die vielen Klettergärten beschrieben und so entschied ich mich für einen Sektor mit vielen leichten Touren um mich im Vorstieg zu versuchen. Wir marschierten los und standen wenig später vor einer 5c Tour die definitiv nicht wie eine 5c aussah. Eine einzige riesen Platte bei der ich nicht mal wusste, wie ich weg klettern sollte. Michi merkte sofort, dass das bei mir wohl nichts wird und stieg in die Tour ein.

Zitat Michi: „Das war wohl eine der schwersten Touren die ich je kletterte. 5c Platte, keine Griffe, nur Reibung (ich hasse das) nach 3 Metern senkrechter Wand, legte sich diese retour, die Hakenabstände in dieser geschlossenen Platte waren ewig weit. Ich war selten so froh, das Top zu erreichen, als in dieser Tour.“Die Tour links daneben war das selbe Spiel. Plattentango deluxe. Das wahr wohl nichts mit dem Vorstieg-Plan. Da war ich schon stolz im Nachstieg hochgekommen zu sein. Wieder einmal festgestellt, dass Michi das Plattenklettern hasst, schauten wir uns den nächsten Klettergarten an. Dort nicht so plattig, aber keine einzige freie Route. Das war’s dann wohl für heute. Morgen steht eine große Rennradtour an – da ist es eh besser wenn wir unsere Kräfte sparen.

so kann der Tag beginnen 🙂

Tag 4 (by Michi)

Rennradtour „Freude – Schmerz – Verkauf – nie wieder – kaputt“

Nachdem ich die Freude zum Rennrad fahren gefunden habe und das auch mit meiner Freundin teilen darf, hatten wir die Rennräder natürlich mit.

Auf den Spuren der Tour de France so zu sagen. Von Briacon auf den Col d’Izoard – Normalerweise 89 KM und 1900 HM bei einer Steigung von 9% schon eine harte Tour. Nachdem wir am Campingplatz Ailefroide seit ein paar Tagen am klettern waren, schauten wir, ob man auch von dort starten kann. Ja das ist sehr gut möglich, wir müssen nur das Tal hinausfahren und können in die gut ausgeschilderte Tour so zu sagen einsteigen.

In meinem übermut, musste man mich nicht lange überreden. Da Hanna etwas mehr Erfahrung hat, fragte sie mich 2 mal ob ich die Tour schon machen möchte. Genau an diesem Punkt hätte ich mehr darüber nachdenken müssen. Aber ich bin ja hart im nehmen „dachte ich mir zumindest“ und antwortete:“ natürlich Schatz, das geht schon!“ Diese Antwort bereute ich schon ein paar Stunden später.

Und los geht es. 8:45 Abfahrt. Es war noch ziemlich kalt, als wir das ganze Tal von Ailefroid hinaus rollten. Im Kopf nur der Gedanke „das müssen wir alles wieder hinauf fahren“. Irgendwie wäre die Fahrt mit dem Auto nach Briacon nicht verkehrt gewesen – aber ich immer die große Klappe…

Der Tacho zeigte 36 KM als wir die ersten anstrengenden Höhenmeter entlang der wunderschönen Schlucht absolvierten. Danach ging es anhaltend Kurve für Kurve bergauf. Ich schaute ein paar mal zurück auf mein Ritzel ob mein Schatz vielleicht über Nacht 1 oder sogar 2 davon geklaut hat. Nein es waren alle da – leck! ist das heute hart!

Wir sammelten Höhenmeter über Höhenmeter und auch Schweißperle über Schweißperle. Hanna fuhr vor mir und redete immer gut zu „es geht scho“, „so weit is nimma“ – Ich wusste sie meint es nett, ich wusste aber auch, dass es nicht ganz stimmt. Umkehren und Aufgeben war keine Option, obwohl ich es mir ehrlich gesagt oft dachte.

Am vermeintlichen Gipfel angekommen, wirklich fix und fertig, sah ich, dass es noch nicht das Ende ist. Ich konnte nicht mehr sitzen, geschweige denn an der Kurbel drehen. Es nützt nichts, ich muss da hoch. Die Landschaft war gewaltig. Eine Wüsten ähnliche Gegend mit Steinskulpturen wie ich es noch nie gesehen habe. Kurze Foto-pause, dann die letzten Höhenmeter hinauf auf den Col d’Isoard. Am Gipfel angekommen folge auf die Freude gleich der Gedanke, an die Höhenmeter hinauf nach Ailefroide.

Hanna schlug vor, in Briacon eine Kaffeepause zu machen, und eine Kleinigkeit zu essen. Super! Pizza, Bier und ein Linienbus zurück zum Campingplatz! – HAHA das war wohl eine Fatamorgana..

Nach ca 1 Stunde Pause kurbelten wir die verbleibenden 23 KM und 500 HM hoch nach Ailefroide. Nie nie wieder werde ich so eine Tour fahren dachte ich mir alle paar Meter. Hanna fuhr vor, sie wusste, alles was sie jetzt sagt, wäre falsch und so am Tiefpunkt würde auch sie mich nicht mehr zum Lachen bringen.GESCHAFFT! 115KM 2400HM+Es ist schon interessant, wie sehr dann der Stolz die Tour doch durchgezogen zu haben die Anstrengung vergessen lässt. Am Abend konnte ich dann schon wieder lachen, als ich die Bilder auf Hannas Handy sah. Die ist anscheinend eine ganz anderer Runde gefahren – das hab ich alles gar nicht gesehen, so sehr hab ich die Gegend ausgeblendet.

Es war trotz der Mühen ein schöner Tag den wir gemeinsam erlebten und ich hoffe es folgen noch viele schöne Ziele, die vielleicht nicht mehr ganz so anstrengend sind 😉

Am nächsten Tag war relaxen angesagt – Füße hochlegen, sonnen, mit einem Bierchen in der Hand von unserem Bus aus die Kletterer in der Nordwand beobachten.

Tag 6 (by Hanna)

Neuer Tag neues Kletterglück! Im Kletterführer sind die rot eingezeichneten Touren, die die gut abgesichert sind. Die blauen Touren hingegen, sind spärlich abgesichert, hi und da mal ein Bohrhaken oder geschlagener Haken. Mit jeder Menge Friends im Gepäck marschierten wir zur Tour Reveur Prostre (5c) 180m – der Einstieg war schon mal nicht leicht zu finden, da uns ja kein Bohrhaken entgegen blitzte. Michi stieg in die Platte ein, und nach ca 4 Meter sah er im kleinen Riss ober ihm einen geschlagenen Haken. Wir sind richtig. Jetzt kann’s los gehen – dachten wir zumindest… Die erste Seillänge war sowas von schwer, und das setzten von Selbstsicherungen fast unmöglich. So wird das nichts.

Wir wechselten in die danebenliegende Tour (Serfouette express) – rot, gut abgesichert, 6a (5c obl.) die Entscheidung war definitiv richtig! Eine abwechslungsreiche Route mit langen Seillängen – super Fels, luftig und nicht zu schwer.. Es machte richtig Spaß! Abseilen war nicht nötig – auf der Hinterseite führt zuerst ein mit Seil versicherter Steig und anschließend ein Weg zurück. Unser Fazit, kurze aber lohnende Kletterei – den ganzen Tag Sonne – es wehte aber ein angenehmer Wind, der die Hitze erträglich machte.

Mittags wieder zurück im Camp waren wir so motiviert, dass wir beschlossen am Nachmittag den nord seitigen Sektor zu erkunden. Wir stiegen in die Tour Je ne courirai plus (6a+) ein. Da es schon relativ spät war, gingen wir die ersten 6 Seillängen (die 6a+ Stelle blieb mir somit erspart). Zum Glück, die 5c+ in der 5 SL war für mich schon echt hart. Entweder glatte Platte oder senkrechte Wand. Das zehrte ganz schön an meinen Kräften. Fix und fertig, Seilten wir ab. Für Michi war es eine coole Tour – ich enthalte mich der Stimme da ich körperlich zu müde war um das objektiv zu bewerten. 😉

Tag 7 (by Hanna)

Wahnsinn. Wir sind schon eine Woche hier, die Zeit vergeht wie im Flug… Der Sektor 2, also der Nordseite in dem wir gestern Nachmittag schon eingestiegen sind, hat es Michi angetan.

Der Plan war die Tour Songe d’une nuit de sabbat zu klettern. Leider machte ich ihm da einen Strich durch die Rechnung. Die erste Seillänge war für mich bereits ein Kampf. Meine Waden taten so weh, ich bekam Krämpfe und je mehr ich in der Platte stand, und nicht wusste wohin ich treten soll, umso schlimmer wurde es. Dann spielte der Kopf plötzlich auch nicht mehr mit. Ich bekam sogar im Nachstieg Panik auszurutschen – Es ging einfach nichts mehr.

Enttäuscht von mir, von meinem Körper und von meinem Kopf der das nicht akzeptieren kann wenn es mal nicht so läuft seilten wir nach der 1 SL ab. Das ist eben nicht so wie beim Radfahren – beim Klettern spielt der Kopf bzw die mentale Stärke eine viel größere Rolle – das muss ich wohl oder übel akzeptieren. Eine Lektion, die mir die Wände von Ailefroide erteilt haben.

Tag 8 : Abreisetag. Wir fahren in Aostatal – mein erster 4000er steht auf dem Plan.

hier nochmal alle Bilder:

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